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Wirtschaftsmacht China: Chancen und Risiken für Europa Dienstag, 10. Mai 2016

Gesprächspartner: 

DI Franz Rotter, Vorsitzender des Vorstandes ASMET, Chef der Special Steel Division des voestalpine-Konzerns
Prof. Lifeng Zhang, Dekan der School of Metallurgical and Ecological Engineering der University of Science and Technology Bejing
Dr. Thomas Krautzer, Geschäftsführer der Industriellenvereinigung Steiermark

 

 

 

ASMET Forum 2016: China 

Alljährlich treffen sich über 300 Geschäftsführer, Führungskräfte aus Produktion, Forschung und Entwicklung, Vertrieb, Personal- und Betriebswirtschaftsabteilungen der Mitgliedsfirmen sowie Studierende beim ASMET Forum an der Montanuniversität Leoben. ASMET – The Austrian Society for Metallurgy and Materials – befasst sich mit Metallurgie und Werkstofftechnik. Die Organisation versteht sich in diesen Bereichen als Plattform für den Informations- und Wissensaustausch.

Das Treffen 2016 steht unter dem Motto „China – Chancen und Risiken“. Die Plenarvorträge der ASMET Mitgliedsfirmen beschäftigen sich mit ihren Erfahrungen, Möglichkeiten und Entwicklungen im sogenannten „Reich der Mitte“. International agierende Technologiekonzerne sind Mitglieder der ASMET, unter anderem die voestalpine AG, Inteco, Primetals, Magna International Europe sowie die RHI AG.

Als Gastredner beim diesjährigen ASMET Forum konnte Lifeng Zhang, Dekan an der Universität für Wissenschaft und Technik in Peking gewonnen werden.

Der Nachmittag des ersten Konferenztages steht wiederum im Zeichen der jungen Forschung. Absolventen der Montanuniversität Leoben, der TU Graz und der FH Wels präsentieren die besten Diplomarbeiten und Dissertationen aus den Bereichen Metallurgie und Werkstofftechnik.

China als „Werkbank der Welt“? 

Lange hat Chinas Wirtschaft floriert und damit auch den weltweiten Wohlstand wachsen lassen. Steigende Lohnkosten, eine alternde Gesellschaft und Konkurrenz aus Südostasien und Afrika stellen das alte Geschäftsmodell der „Werkbank der Welt“ in Frage. Immobilienpreise und Aktienkurse sinken.

„Made for China“ statt „Made in China“ 

„China ist auf dem Weg, ein reifer Markt zu werden. Die Wettbewerbsfähigkeit in Qualität und Technologie legt kontinuierlich zu. Dies spiegelt auch der neue 5-Jahres-Plan der chinesischen Regierung wider, der zwar geringere Steigerungsraten, dafür aber Wachstum in qualitativ hochwertigeren Bereichen vorsieht“, so Franz Rotter, Präsident der ASMET und Chef der Special Steel Division des voestalpine-Konzerns. „Made for China“, statt „Made in China“ lautet dabei die Devise. Die globalen Spielregeln werden sich ändern. China geht von einem export- und investitionsorientierten Wachstum hin zu einem neuen Modell, das auf Innovationen und Nachhaltigkeit beruht. Diese Entwicklung lässt für die kommenden Jahre ein Wachstum von nur etwa 5 Prozent erwarten. Angestrebt werden 6,5 Prozent. Sozial und politisch betrachtet birgt dieser Wandel eine Herausforderung. Für Europa bedeutet ein schwächeres Wachstum Chinas als zweitwichtigster Handelspartner ebenso einen konjunkturellen Rückgang.

„Für europäische Unternehmen birgt diese Veränderung aber insbesondere auch die Chance, mit technologisch hochwertigen und innovativen Produkten am chinesischen Markt Fuß zu fassen oder weiter zu wachsen. Auch sogenannte ‚Solution-Provider‘, die mit ihren Services dort sind, wo der Kunde ist, werden von dieser Entwicklung profitieren“, so Rotter. Weitere Möglichkeiten für Unternehmen in China wären etwa Joint Ventures oder Greenfield-Investments im Hightech-Segment ebenso wie Partnerschaften mit chinesischen POEs (Privately Owned Enterprises).

Beispiel: voestalpine in China 

Auch die voestalpine setzt ihre Internationalisierungsstrategie mit Fokus auf China konsequent fort.

Erst Ende März 2016 tätigte die Special Steel Division des Konzerns mit der Übernahme ihres langjährigen Vertriebspartners ATT mit Sitz in Shanghai einen weiteren Expansionsschritt in Bezug auf ihre Vertriebs- und Servicestrategie am chinesischen Markt

Mit der Ende März abgeschlossenen Akquisition unseres langjährigen Vertriebspartners ATT rücken wir mit unseren Services wie Lager, Bearbeitung und Wärmebehandlung noch näher an unsere Kunden. Hauptabnehmer der neuen Gesellschaft im Bereich Werkzeugstahl für Kunststoffformen sind die Automobil- und Elektronikindustrie“, erklärt Franz Rotter. Darüber hinaus wurde ein bestehender Standort der Division in Shanghai erst kürzlich erweitert.

Standort Österreich als Technologie- und Know-how-Leader 

Aufgrund von Spitzenforschung und ausgezeichneten Qualitätsstandards, nimmt der Standort Österreich international nach wie vor eine führende Rolle in der Werkstoffindustrie ein. Diese Position gilt es weiter zu stärken um auf die zukünftigen Herausforderungen vorbereitet zu sein und wettbewerbsfähig zu bleiben. Europa – insbesondere Österreich – braucht mehr radikale Innovationen um etwa im Vergleich zu Asien Schritt halten zu können.

Der FWF hat daher im April 2016 in Zusammenarbeit mit der ASMET, einen Call in der Höhe von 400.000 Euro für ein Grundlagenforschungsprojekt ausgeschrieben, der sich im Speziellen mit Metallen und ihrem Potenzial für disruptive Innovation auseinandersetzt. „Der „ASMET-Preis“ soll zur Stärkung der Grundlagenforschung in den technischen Disziplinen beitragen und in diesem Bereich den Forschungsanteil signifikant heben. Wir legen damit den Grundstein für wichtige, neue, radikale Innovationen“, so Franz Rotter.

Geschlossene Grenzen führen zu Wohlstandsverlust 

„Selbstbewusstsein, Realismus, Innovation, Mut und Offenheit, das sind jene fünf Kardinal-Tugenden, mit denen ein Standort Steiermark seine Leitbetriebe in der Verfolgung ihrer Strategien unterstützen kann und muss“, beschreibt Thomas Krautzer, Geschäftsführer der IV-Steiermark, das Aufgabenprofil einer verantwortungsvollen Politik. „Selbstbewusstsein, um sich vor dem internationalen Wettbewerb nicht zu verstecken, Realismus, um nicht zu glauben, jemand hätte auf die Steiermark gewartet, Innovation, um auch als kleiner Standort über Forschung den Weg nach vorne zu finden, Mut, um notwendige, unpopuläre Strukturanpassungen permanent vorzunehmen und Offenheit im Bewusstsein, dass eine kleine Volkswirtschaft nur dann Wohlstand schaffen kann, wenn sie den Weg nach außen antritt.“ Seitens der Industrie wird deshalb die derzeit vorherrschende Abschottungstendenz auf europäischer aber auch auf nationaler Ebene mit großer Sorge gesehen.

China: Wettbewerb annehmen und Hausaufgaben machen 

Dies gelte auch für die Position gegenüber China. Besonders verwunderlich sind solche Tendenzen, wenn sie ein Land wie Österreich betreffen, das seinen Wohlstand überwiegend einer exportorientierten Industrie verdankt. „75 Prozent durchschnittliche Exportquote der steirischen Industrie heißt übersetzt, dass im Falle geschlossener Grenzen der Großteil unserer Betriebe bereits im April die Produktion zusperren und die Leute nach Hause schicken müsste, mit allen Konsequenzen“, so Krautzer. Wenn man sich vor Wohlstandsverlust fürchtet, dann wären geschlossene und nicht offene Grenzbalken der wahre Horror. So gesehen könne es auch nur einen Zugang zum Thema China geben: offen bleiben, Wettbewerb annehmen, Partnerschaften pflegen und die Hausaufgaben machen.

Regionale Hausaufgaben: hochwertige urbane Strukturen, kompromisslose Unterstützung von Bildung und Forschung 

An Hausaufgaben mangelt es dem Standort Steiermark generell und der Obersteiermark im Besonderen nicht. Die während der Reformpartnerschaft begonnenen Struktur- und Verwaltungsreformen müssen an Geschwindigkeit und Intensität zunehmen.

Die regionale Schwerpunktbildung (am besten Fusionierung) Leoben-Bruck-Kapfenberg muss rasch durchgezogen und Synergiepotentiale für massive Qualitätsverbesserungen in einer hochwertigen urbanen Struktur (öffentlicher Verkehr und Güterinfrastruktur, Bildung, Kultur, Wohnen) genutzt werden. Nur so können internationale Leitbetriebe auch künftig für ihr Personal attraktiv sein und Abwanderung und Überalterung gestoppt werden. Hier zeigt sich Krautzer erfreut, dass ähnliche Forderungen, die beim letzten ASMET-Forum erhoben wurden, zuletzt erste Umsetzungen erfahren haben.

Unter der Federführung der Montanuniversität wurde 2015 das Projekt Mobilitätslabor teilen+tauschen Stadtregion Bruck-Kapfenberg-Leoben eingereicht, genehmigt und befindet sich derzeit in der Durchführungsphase. Das Projekt beschäftigt sich mit der Entwicklung einer Roadmap, welche – von den lokalen und regionalen Bedingungen ausgehend – die gemeinsam erarbeiteten Ziele verbesserter und nachhaltigerer Güter- und Personenmobilität in der Region benennt und Strategien zu ihrer Umsetzung vorschlägt.

Ein weiterer Kernpunkt ist die kompromisslose Unterstützung von Bildung, Forschung, Technikorientierung und Innovation. Insbesondere ein Ausbau der Forschungsinfrastruktur und die enge Kooperation zwischen Wissenschaft und Unternehmen sind Grundbausteine eines positiven Zukunftskonzeptes. Um in und mit einem Marktriesen wie China erfolgreich operieren zu können, ist eine konsequente technologiebasierte Nischenpolitik notwendig, in der der Vorsprung pausenlos verteidigt werden muss. In diesem Sinne ist die Politik aufgerufen österreichische Arbeitsplätze zu schützen, indem das Forschungsbudget deutlich aufgestockt wird. Hier erwarte man sich in den nächsten Monaten im wahrsten Sinne des Wortes „zählbare Impulse“ der zuständigen Bundes- und Landesstellen.

Abkommen mit Chinas Akademie der Wissenschaften 

Um diesen Entwicklungen in einem ersten Schritt Rechnung zu tragen, hat die FFG ein Abkommen mit der Chinesischen Akademie der Wissenschaften (Chinese Academy of Science – CAS) abgeschlossen, mit dem Ziel im Rahmen von Ausschreibungen gemeinsame Forschungsprojekte zwischen der österreichischen Industrie und Forschung bzw. Partnern der CAS zu finanzieren. Eine erste Ausschreibung zu Nanotechnologie konnte letztes Jahr bereits erfolgreich abgeschlossen werden. Die zweite Ausschreibung zum Thema Werkstoffe/fortgeschrittene Materialien ist derzeit geöffnet, eine Dritte zu Informations- und Kommunikationstechnologien startet Anfang 2017. Mit der Universität Shanghai konnte ein weiteres Abkommen zur Finanzierung von gemeinsamen Forschungsprojekten zum Thema Nanotechnologie abgeschlossen werden. Dies sind für die Industrie zukunftsweisende Maßnahmen, die zur gegenseitigen Befruchtung führen.

Initiative steirischer Hochschulen 

In diesem Zusammenhang sind Initiativen wie die Anfang April erfolgte Anbahnung von Kooperationen zwischen der Universität Graz und der FH Joanneum mit chinesischen Hochschulen zu begrüßen. Der von Landesrat Christopher Drexler begleitete Erfahrungsaustausch und das Lernen voneinander werden für die weitere Wahrung von Wohlstand gleich essentiell sein, wie der Austausch von Waren, Gütern und Dienstleistungen.

Die ASMET – Austrian Society for Metallurgy and Materials 

Der Verein umfasst 1.150 persönliche Mitglieder und über 100 Firmenmitglieder mit rund 150.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Insgesamt erwirtschaften die ASMET-Mitgliedsbetriebe einen jährlichen Gesamtumsatz von rund 43 Mrd. Euro, mit einer Exportquote von rund 90 Prozent. Mehr als 1.000 Forscherinnen und Forscher arbeiten in ASMET-Mitgliedbetrieben an innovativen Zukunftstechnologien der Werkstoffindustrie.

Rückfragen: 

Bruno Hribernik, Geschäftsführer ASMET
+43 664 1101010
bruno.hribernik@asmet.at

Martin Novak
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